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Aufmerksame Wanderer finden im September auf Wegen, die durch Wald und über Wiesen führen, kleine tote Säugetiere. Ihr Fell ist braun. Sie haben einen langen Kopf mit spitzer Schnauze und einen fast kahlen Schwanz. Es handelt sich um Waldspitzmäuse, die am Ende ihres kurzen und hektischen Lebens hier einfach tot umgefallen sind.
Waldspitzmäuse kommen im Frühjahr oder Sommer als eines von bis zu elf Kindern eines Wurfs zur Welt, pflanzen sich im nächsten Jahr selbst fort und sterben spätestens im Alter von zehn Monaten. Im August sind Waldspitzmäuse deshalb häufig (bis zu 10 Individuen pro Hektar wurden gezählt), den Winter überleben jedoch nur wenige. Im März beträgt die Dichte nur 4 Individuen pro Hektar.
Weil Waldspitzmäuse so klein sind (ihr Körpergewicht beträgt in der Regel 6 - 10 g), haben sie einen ungeheuer großen Nahrungsbedarf. Eine erwachsene Waldspitzmaus frisst täglich bis zu 77 % ihres Körpergewichts! Die Nahrung besteht aus Käfern, Spinnen, Weberknechten, vor allem aber aus Regenwürmern und Schnecken. Gelegentlich werden auch neugeborene Feldmäuse verzehrt. Die Beutetiere werden mit den Schneidezähnen erfasst und, ohne getötet zu werden, mit rasender Eile verschlungen.
Wenn die Beutetiere im Winter eine Ruhephase einlegen, kommt auf die ständig hungrige und dann auch frierende Waldspitzmaus ein echter Engpass zu. Sie kennt weder Winterschlaf noch Winterruhe, ihr fehlt auch jede Möglichkeit in wärmere Gefilde zu entfliehen. Ihre Anpassung an Kälte und Nahrungsknappheit ist so unglaublich, dass sie erst in den 1950er Jahren entdeckt wurde. Im Herbst verringert sich nicht nur das Körpergewicht drastisch, sondern auch Größe und Gewicht von Herz, Nieren, Leber und Gehirn gehen markant zurück. Die Schädelkapsel, die bei einer jungen Waldspitzmaus gewölbt ist, wird durch Knochenumbau flach und niedrig. Bereits im Februar dreht sich dieser Schrumpfungsprozess um, alle Organe wachsen wieder an und erreichen höhere Werte als im letzten Sommer.
Waldspitzmäuse sind hektisch unterwegs. Sie verteidigen mittels heftiger Kämpfe ein eigenes Nahrungsterritorium, das je nach Nahrungsreichtum 400 bis 2800 m2 groß ist. Darin legen die Tiere im Zickzackkurs laufend bis zu 2.5 km pro 24 Stunden zurück. Nach Aktivitätsperioden von durchschnittlich 85 Minuten legt die Waldspitzmaus eine kurze Ruhephase ein. Weibliche Waldspitzmäuse sind besonders gestresst. Sie bringen nach einer Tragzeit von ca. 20 Tagen bis zu drei Würfe zur Welt. Die Jungen haben ein Geburtsgewicht von 0,4 g, sind nackt, blind und taub. Erst am 20. Tag können sie das Nest verlassen, werden jedoch bis zum 25. Tag von der Mutter gesäugt.
Haben Sie sich gefragt, warum die tot am Weg liegenden Waldspitzmäuse nicht von Fuchs und Marder gefressen werden? Spitzmäuse haben auf den Körperseiten Drüsen, die einen strengen Geruch verbreiten. Ihre Funktion ist nicht genau bekannt, doch wird angenommen, dass sie eine Rolle bei der Paarung spielen. Jedenfalls werden Spitzmäuse außer von Eulen, die keinen Geruchssinn haben, als Beute generell verschmäht.
Text: Dr. Friederike Spitzenberger |